Wie ich das Nein-Sagen lernte

NEIN zu sagen ist immer viel schwieriger als das beliebte und positive JA auszusprechen. Mir will es scheinen, als komme uns Frauen das Nein viel schwerer über die Lippen als euch Männern! Früher oder später müssen wir aber lernen, auch einmal Nein zu sagen. Ich lernte das auf die harte Tour – möchten Sie wissen wie?

Im Frühjahr 2012 erreichte ich meinen persönlichen Tiefstpunkt: schlaflose Nächte, kaum Appetit, bleierne Müdigkeit, Lustlosigkeit usw. Bei einer Kontrolluntersuchung stellte mein Hausarzt fest, dass ich

1. an einem latenten Eisenmangel litt
2. eine schwere Erschöpfungsdepression hatte.

Mit dieser Diagnose und ein paar beschwichtigenden Worten entliess er mich. Wir vereinbarten zwei Termine für eine Eiseninfusion (um den Eisenspiegel so schnell als möglich auf einen normalen Stand zu bringen). Ausserdem überwies er mich an einen Psychotherapeuten, mit dem ich meine Probleme besprechen sollte. Probleme? Welche Probleme denn? Hatte ich denn welche?!

Es sollte sich herausstellen, dass sich eine ganze Menge in meinem Unterbewusstsein angesammelt hatte … Da mich mein Hausarzt für die nächsten drei Wochen krank schrieb, blieb ich also daheim und kam mir nun noch nutz- und wertloser vor … Es gipfelte darin, dass ich am Gründonnerstag 2012 einen Zusammenbruch erlitt (ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen), ins Krankenhaus gebracht wurde und von dort in die Psychiatrie überwiesen wurde (da bei mir latente Suizidgefahr bestünde) …

Hier gehörte ich nun wirklich nicht hin! Bloss, weil ich vorübergehend nicht mehr ‘normal’ funktionierte, beraubte man mich sämtlicher Rechte und steckte mich in eine geschlossene Anstalt. Ich wähnte mich in einem Albtraum! Die ‘Gummizelle’ gibt es wirklich! Möbel aus Schaumstoff, damit keine Verletzungsgefahrt besteht. Lavabo und WC aus Chromstahl – wie im Gefängnis (stelle ich mir vor). Im Lavabo waren Kratzspuren ersichtlich und das Fenster aus Panzerglas hatte ebenfalls zahlreiche Angriffe hinter sich … Wer noch nicht verrückt ist, der wird es spätestens hier!

NEIN, in dieser Psychiatrischen Klinik wollte ich auf gar keinen Fall bleiben! Also setzte ich alle Hebel in Bewegung, um diese Ansalt so schnell wie möglich nur noch von aussen sehen zu müssen! Ich flehte meinen Mann und meinen Vater an, sie mögen mich aus diesem Albtraum befreien – und die beiden hatten Erbarmen mit mir. Sie, liebe Leserin, lieber Leser, können sich allerdings nicht vorstellen, wie schwierig und aufwändig es war, aus dieser Klinik wieder entlassen zu werden …

Weil mein Mann und meine Eltern in grosser Sorge um mich waren, wurde der Beschluss gefasst, dass ich nach über 20 Jahren vorübergehend wieder bei meinen Eltern wohnen sollte. Sie ‘päppelten’ mich auf wie einen kleinen, verlorenen Vogel. Sie taten alles, um mein Leben wieder lebenswert zu gestalten. Und ganz langsam kehrte etwas Leben zu mir zurück. Ich konnte wieder ein wenig Freude empfinden, wenn ich beim Spaziergang am Strassenrand eine blühende Blume entdeckte oder einen kleinen Fuchs beobachten konnte. Auch lernte ich, dass die grosse Freude meist aus den kleinen, einfachen Dingen erwächst.

So machte ich in kurzer Zeit grosse Fortschritte. Und bereits vier Monate nach meinem Zusammenbruch, konnte ich wieder stundenweise meiner bisherigen Arbeit als Chefsekretärin nachgehen. Im Folgemonate wurde das Pensum bereits auf 50% angehoben und schon im Oktober arbeitete ich wieder meine angestammten 80%! Es sollte sich herausstellen, dass diese Rückkehr ins ‘normale’ Berufsleben viel zu schnell stattfand. Aber ich fühlte mich ja gut – glänzend sogar! Mir ging es so hervorragend, dass ich am liebsten die Firma meines Arbeitgebers reorganisiert hätte! Ich sprudelte vor lauter Einfällen und Ideen. Auch wäre es mir ein grosses Bedürfnis gewesen, die Lernenden (Kaufleute) zu betreuen und auf ihrer beruflichen Ausbildung zu begleiten. Dies umso mehr, da mein Mann und ich keine Kinder bekommen hatten. Eifrig suchte ich nach Möglichkeiten, um eine solche Stelle bei meinem langjährigen Arbeitgeber (damals waren es 16 Jahre!) zu ergattern. In meiner sehr aufgeheiterten, etwas hypomanen Stimmung schien mir einfach alles möglich. So war ich mir auch ganz sicher, dass die Firma nur darauf gewartet hatte, dass ich das Zepter in die Hand nahm. Schon bald hatte ich eine Ausbildungsstätte gefunden, die genau meine Bedürfnisse abdeckte. Kurzerhand unterschrieb ich einen Weiterbildungsvertrag über mehrere Module. Diese Weiterbildung sollte mich meinem Ziel – Ausbildnerin in der Erwachsenenbildung – wieder einen Schritt näher bringen.

Im Geschäft stellte ich unterschiedliche Reaktionen auf meine neue Umtriebigkeit fest. Die einen fanden es ganz grossartig, anderen ging ich mächtig auf den Geist (ganz besonders meinem damaligen Chef) und wieder andere schienen sich echt um mich zu sorgen. Aber ich, in einer nie vorher dagewesenen Euphorie, liess mir in diesem Zustand nichts, aber auch gar nichts sagen!

Und so kam es wie es kommen musste! Der nächste ‘Absturz’ war vorprogrammiert. Als sich noch das externe ‘Case Management’ – auch so eine Erfindung, welche die Welt absolut nicht braucht – einschaltete, war der Mist geführt! Mit aller Macht versuchten Case Management, Personalchef und Ex-Chef, mir das Leben madig zu machen. Nach 16 Jahren treuer Dienste hiess es für mich, nochmals eine Probezeit zu bestehen!!! Und zwar, indem ich, seit jeher an selbständiges Arbeiten gewohnte Chefsekretärin, Pendenzenlisten führen sollte, deren Prioritäten durch den Chef abgeändert und ergänzt werden konnten. Ausserdem hatte ich um 8 Uhr mit meiner Arbeit zu beginnen und spätestens um 18 Uhr den Arbeitsplatz wieder zu verlassen. Das war zu viel für mich – innerlich wand und sträubte ich mich dagegen, aber äusserlich machte ich gute Miene zum bösen Spiel! “Manuela, du musst dich nun ganz neu bewähren! Wir fangen wieder von vorne an, auf der grünen Wiese … Und du musst dir bewusst sein – egal wie gut du vorher gearbeitet hast – heute werden die Karten neu gemischt! Sei dir ausserdem drüber im Klaren, dass du lediglich nach dem beurteilt wirst, was du in den vergangen drei Wochen geleistet hast!” So der ungefähre Wortlaut von Case Management und Personalchef. Sie mögen mir die Wortwahl verzeihen, aber ich hätte kotzen können!

Als im Januar 2013 meine Weiterbildung zur Ausbildnerin startete, fühlte ich mich jedenfalls unfähig und mein Selbstbewusstsein war einmal mehr am Boden … Ich konnte mich nicht konzentrieren und kam mir unsäglich dumm vor! Die zwei ersten Ausbildungstage schaffte ich gerade noch, doch weiter kam ich nicht. Der nächste Zusammenbruch klopfte an die Türe … Nun ging das ‘Spiel’ von vorne los: der Hausarzt schrieb mich krank, in kürzester Zeit ging es mir noch schlechter als zuvor. Das einzig Gute daran war, dass ich nicht mehr zu meinem Arbeitgeber zurückkehren musste. Und der liess mich auch schön in Ruhe. Nicht so die ‘Case Managerin’, die sich als wahre Hyäne entpuppen sollte. Ständig rief sie bei uns zu Hause an und bedrängte mich, doch endlich eine Klinik aufzusuchen und mir helfen zu lassen. Da mir nur schon von ihrem Klingelton (mein Mann hatte dem Case Management einen speziellen Ton zugeordnet) übel wurde, beantwortete ich ihre Anrufe einfach nicht mehr. Doch Aufgeben, das kannte die ‘Hyäne’ nicht! Sie belästigte meinen Mann auf der Arbeit mit ihren Anrufen. Und wenn sie ihn nicht erreichen konnte, wandte sie sich einfach an meine Eltern … Die ‘Hyäne’ kannte nichts und machte auch vor nichts halt, um ihr Ziel zu erreichen. Aber ich sagte NEIN und blieb standhaft dabei! Nein, ich wollte keinen Klinikaufenthalt! Das mag für manche Menschen eine glänzende Lösung sein, aber für mich stimmte dieser Weg nicht! Und so ging ich eben meinen eigenen, und zwar den, der ganz kleinen Schritte.

Irgendwann gelang es mir, meine damals grosse Angst vor Menschen ein wenig abzulegen und die öffentlichen Verkehrsmittel wieder zu benutzen. Zuerst waren es ‘kleine Reisen’, zum Beispiel von unserem Wohnort ins ca. 5 km entfernte Dorf, wo meine Eltern wohnen. Dann wagte ich mich plötzlich ein bisschen weiter hinaus und fuhr mit dem Bus bis in die nächste Stadt (ca. 8 km von unserem Wohnort). Als Steigerung verabredete ich mich in der Stadt mit meinem Mann zum Mittagessen. Die nächste Etappe war es, die Bahn in mein Übungsprogramm mit einzuschliessen. So nahm ich also den Bus in unsere Stadt und von dort den Zug in die nächste Stadt. Dass ich selbständig am Automaten eine Fahrkarte lösen konnte, machte mich besonders stolz!

Ende September 2013 wurde ich ins Büro des Case Managements beordert. Weshalb, ging aus der ‘Einladung’ nicht hervor, aber ich bat vorsorglich meinen Mann, mich zu begleiten. Als wir bei der ‘Hyäne’ eintrafen, begegneten wir dort bekannten Gesichtern: meinem Ex-Chef, dem Personalchef und ihrem Mann. Der Personalchef kam auch gleich zur Sache und eröffnete mir, sie würden mich nun – da keine grosse Besserung meines Gesundheitszutandes sichtbar sei – nach 17 Jahren auf Ende Jahr entlassen. Nach dieser Ankündigung hatte ich das Gefühl, von einem Lastwagen überfahren zu werden. Ich verstand die Welt nicht mehr! Konnten die mich überhaupt entlassen? Ich war doch krankgeschrieben! Doch, die konnten! Nach einer gewissen Zeit war es erlaubt … Ich war unsagbar traurig, fassungslos! Wie konnte sich mein Arbeitgeber von mir trennen wollen? Ich hatte doch die vergangenen 17 Jahren vor allem für ihn gelebt. Der Job war mir das Wichtigste (noch vor meinem Mann, wie ich heute beschämt zugeben muss!), ich hatte mein ganzes Herzblut in die Arbeit gelegt …

Liebe Arbeitgeber, bitte tun Sie so etwas NIEMALS Ihren treuen Mitarbeitenden an! Denn es bricht ihnen das Herz und sie kommen sich noch nutz- und wertloser vor als sie sich eh schon fühlen … Glücklicherweise bin ich eine starke Person und so gelang es mir nach einer längeren Trauerphase, den ehemaligen Arbeitsplatz loszulassen und mich Neuem zuzuwenden. Ich habe das Ganze sogar so gut verarbeitet, dass ich heute ganz ohne Groll an meine Zeit bei meinem ehemaligen, langjährigen Arbeitgeber zurückdenke. Von Zeit zu Zeit statte ich sogar meinen Ex-Kollegen einen Besuch ab und sie tun mir dann fast ein bisschen Leid, dass sie weiterhin im Hamsterrad treten …

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